Aktuelle Ausgabe

Editorial

2/2022

„ … das Fahrrad ist für mich zunächst einmal sehr, sehr praktisch, um in der Stadt unterwegs zu sein.“ sagt Sofrony Riedmann, der neue Geschäftsführer des ADFC Hessen im Interview mit dem Kettenblatt (Seite 5).

Das denken sicherlich auch viele der 10.000 hessischen Radfahrer*innen auf dem Weg nach Wiesbaden (siehe Titelseite), im Gepäck 70.000 Unterschriften für das Verkehrswendegesetz. Denn es reicht nicht, dass Fahrradfahren praktisch ist. Wie es das Verkehrswendegesetz vorsieht, muss es auch sicherer werden und der Platz muss gerechter verteilt werden.

Aufgewachsen bin ich mit der allgemeinen Gewissheit: Wenn ich groß bin, haben alle ein Auto vor der Tür. In Darmstadt haben knapp die Hälfte der Einwohner*innen ein Auto, Staus gibt es reichlich und Parkplätze sind rar. Dass alle ein Auto vor der Tür haben, ist heute nicht mehr vorstellbar.

Ich denke, Sie als Mitglied von ADFC oder VCD haben das schon lange verstanden. Hat auch die Politik das begriffen und wird das Verkehrswendegesetz beschlossen und umgesetzt? Die Signale der Politik sind allerdings nicht positiv: Am Tag vor der Sternfahrt nach Wiesbaden klagte die Bundesrepublik Deutschland gegen die Rad-Befahrung der A66 - nicht gerade ein positives Signal. Die Landesregierung hat das Volksbegehren abgelehnt, da es nicht verfassungskonform sei. Auch das ist kein gutes Signal (Seite 3). Aufgrund des Redaktionsschlusses am 20.10.22 konnten wir aktuelle Entwicklungen auf der politischen Ebene für dieses Heft nicht mehr berücksichtigen.

Warum tun wir uns so schwer mit Verkehrswende? Am Ende gewinnen wir alle, wenn der Platz sinnvoll, und vor allem gerecht, auf die verschiedenen Mobilitätsarten aufgeteilt wird. Dass nicht jede*r Darmstädter*in mit dem Pkw auf dem Pali-Parkplatz parken kann, versteht sich von selbst. Genauso wäre die A66 von Frankfurt nach Wiesbaden überfüllt, wenn jede*r Pendler*in sie nutzen würde. Müssten nicht deshalb auch die Autofahrer*innen einen leistungsfähigen ÖPNV befürworten?

In anderen Ländern und Städten hat das Fahrrad einen viel höheren Verkehrsanteil. Die Menschen in Kopenhagen fahren nicht häufiger mit dem Rad, weil das Wetter in Kopenhagen besser ist, sondern weil es überall Radwege gibt und Radfahren dadurch selbstverständlich geworden ist. Die Verkehrswende hat in Kopenhagen schon stattgefunden. Bei uns dagegen reichen 70.000 Unterschriften nicht, um positive Signale aus der Politik zu erhalten.

Wie groß jedoch das Potential für mehr Radverkehr bei uns ist, hat sich beim Schul- und Stadtradeln gezeigt. In jeweils drei Wochen wurden 960.000 Kilometer im Landkreis und 611.000 in der Stadt geradelt. Seit 2017 haben sich diese Zahlen fast vervierfacht. Ganz herzlichen Dank an die Autor*innen, die ihre Erfahrungs­berichte (Seite 7 und 8) mit uns geteilt haben. Wenn auch Sie im nächsten Jahr beim ADFC-Team dabei sein möchten, schreiben Sie schon jetzt eine Mail an info@adfc-darmstadt.de. Wir laden Sie dann ein.

Wenn alle Verkehrsarten ihren Platz hätten, könnten auch Kinder und Jugendliche aus Nieder-Beerbach mit dem Rad zur Schule oder zu Freunden fahren. Heute ist Nieder-Beerbach nur auf Landstraßen ohne Radweg erreichbar, auf denen Radfahrer*innen nicht vorgesehen sind (Seite 10).

Dass Radfahren praktisch ist, hatten wir anfangs schon festgestellt. Es macht auch viel Spaß: Lassen Sie sich inspirieren vom Tandemurlaub mit Kindern (Seite 14), vom Bildungsurlaub auf dem Rad (Seite 16), von der Regionalpark-Runde (Seite 18) oder von neuen Fahrradbüchern (Seite 17).

Zu guter Letzt werfen wir im aktuellen Heft noch einen Blick auf den ADFC. Je mehr wir werden, desto mehr können wir erreichen. Daher beleuchten wir die Vorteile der ADFC-Mitgliedschaft – in Verbindung mit dem Appell, selbst aktiv zu werden (Seite_19). Zunehmend aktiv werden inzwischen die Frauen und tragen dazu bei, dass der ADFC bunter, diverser und stärker wird (Seite_6).

Auch auf den VCD-Seiten steht das Thema „nachhaltige Mobilität“ im Fokus – sei es in Bezug auf das Lastenradfahren mit Baby (Seite 21), das 9-€-Ticket (Seite 22) oder die Umsetzung der Parkraumbewirtschaftung (Seite 23).

Wie immer bitten wir um Ihr Feedback, egal ob positiv oder negativ. Wir laden Sie auch gerne ein, sich an der Erstellung der nächsten Ausgabe zu beteiligen.

Viel Spaß beim Lesen!

Annelie von Arnim


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