Aktuelle Ausgabe

Editorial

1/2017

Liebe Leser!

Vor 200 Jahren begann in Mannheim die Geschichte des Fahrrades mit der Laufmaschine von Drais. Für seine Erfindung fehlten geeignete Wege, und das Radfahren auf Gehwegen führte schon 1817 zu Konflikten und zum Befahrungsverbot. Eine längst vergangene Geschichte?

Heute geht es Radfahrern viel besser: Auf glatt asphaltierten Straßen kommen sie flott voran. Zwischen Fahrradstraßen, Radschnellwegen und dem Mobilitätskonzept 2030 wird alles Mögliche zum Wohle der Radler geplant. Eine der wenigen Radstationen außerhalb Nordrhein-Westfalens steht am Darmstädter Hauptbahnhof zur Verfügung. Die vielen schönen Radwege in Stadt und Land sind ausgezeichnet beschildert, die Radmitnahme in Zug und Bus ist im RMV problemlos möglich, um nur Einiges zu erwähnen. Tarek Al-Wazir stellte im letzten Jahr fest: „Die Verkehrswende [...] sie findet gerade statt.“ Und tatsächlich: Wie jeder von uns beobachten kann, nimmt der Radverkehr kräftig zu.

Das Problem von vor 200 Jahren besteht jedoch nach wie vor. Die Darmstädter Wilhelminenstraße ist ein Beispiel für ein Befahrungsverbot, ausgerechnet am Ende einer Fahrradstraße (und wie es um das andere Ende steht, können Sie in dieser Ausgabe nachlesen). Und will man die Wilhelminenstraße vermeiden, ja wie, bitteschön, kommt man dann von der Kuppelkirche zum Kantplatz? Es gibt viele Pläne, aber weit weniger funktionierende Lösungen. Auch auf vielen größeren Straßen gibt es ein Befahrungsverbot: Radfahrer müssen Radwege benutzen, egal in welchen Zustand sie sich befinden, und egal ob sie den nötigen Abstand zu parkenden Autos einhalten oder nicht.

Dabei ist der für einen stressfreien Radverkehr nötige Platz in unseren Städten vorhanden. Allein: er wird zugeparkt. Selbst auf einer Fahrradstraße wie der Darmstädter Wilhelminenstraße wird den beidseitig parkenden Autos mehr Platz eingeräumt, als den Radlern. Begegnungen von Autos und Radfahrern erfordern hier gegenseitige Rücksichtnahme.

Wem kommt aber das Parken in langen Reihen am Straßenrand zu Gute? Hört man denen zu, die sich laut vernehmlich melden (das Beispiel der B3 in Zwingenberg finden Sie in dieser Ausgabe), dann wären wir Alle das. Ich behaupte: Die Mehrheit sind die Menschen, die entweder gar kein Auto besitzen oder für ihr Auto einen eigenen Parkplatz gebaut oder angemietet haben.

Deshalb muss man sich fragen, ob es gerecht ist, dass die öffentliche Hand Parkplätze kostenfrei zur Verfügung stellt, aber gleichzeitig die Grundsteuer erhöht. Denn Grundsteuer zahlen wir alle - Mieter und Eigentümer. Vielleicht glauben Sie, das mag stimmen, aber es wird sich nicht ändern? Nun, vor zehn Jahren war man sich einig, dass Gaststätten ohne die Möglichkeit des Rauchens nicht überleben könnten.

Auf diesem oder einem anderen Weg: Soll die Verkehrswende stattfinden, müssen wir für neue Gedanken offen sein. Überlegen wir, wie wir den vorhandenen Raum gerecht verteilen und geeignete Wege für alle Verkehrsteilnehmer schaffen.

Viel Freude beim Radeln in der schönen Jahreszeit wünscht Ihnen
Annelie von Arnim


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