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Editorial

Die Freiheit ist immer auch die Freiheit der Anderen!

Dieses leicht abgewandelte Zitat von Rosa Luxemburg beschreibt die Notwendigkeiten auch für den Straßenverkehr (§1 StVO). Wenn das Auto trotz Führerschein, Versicherungspflicht, Steuern und Unterhaltskosten als Werkzeug der Freiheit beschrieben wird, gilt das nicht auch und sogar vermehrt für das Fahrrad? Es braucht keinen Treibstoff, ist unmittelbar für fast alle soziale Schichten verfügbar, stärkt den Körper und den Geist.

Wie sehr es Mittel zur Freiheit sein kann, werden die Frauen in dem Fahrradkurs für Migrantinnen und Flüchtlinge (Zum ersten Mal!, S. 7) gut beschreiben können. In ihrer Situation ist es, anders als bei uns, keine Selbstverständlichkeit, Rad fahren zu können.

In einem demokratischen Staat ist die Gesellschaft dazu aufgefordert, die Freiheiten der verschiedenen Gruppen immer wieder herzustellen und zu sichern. Da ist es schon sehr bedenklich, wenn die von gewählten Regierungen kontrollierten Behörden die Freiheiten bestimmter Gruppen ohne Not einschränken und behindern, auch gegen geschriebenes Gesetz (Der lange Atem, S. 14). Die Erlangung und Pflege der Freiheiten dieser Gruppen ist oft nicht von der Interessenlage der Gesellschaft, sondern der der Industrie, der Politik und der Behördenmitarbeiter geprägt (Umgestaltung der Frankfurter/Heidelberger Straße, S. 12 u. 13). Deshalb ist jede Möglichkeit zum Dialog sinnvoll (Fahrrad in Aktion, S. 5 u. Lampertheim gibt Gas, S. 11).

Für diesen Dialog stehen Verbände wie der ADFC und FUSS e.V. (Lückenschluss Bergstraße, S. 9), die stetig mehr Zulauf bekommen (Herzlich willkommen, S. 10). Manchmal müssen auch in der Zivilgesellschaft durch Recht und Gesetz gegebene Mittel jenseits des Dialogs angewandt werden, um die verbrieften Freiheiten scheinbar schwächerer Gruppen durchzusetzen (Parke nicht auf unseren Wegen, S. 16).

Die Möglichkeit, die eigene Freiheit auf Kosten Anderer durch Rücksichtslosigkeit und Gewalt auszudehnen, ist in einer Demokratie keine Option (Moment mal, S. 19). Es widerspricht fundamental dem Gleichheitsgrundsatz, der die Basis der demokratischen Gesellschaft sein sollte.

Zumindest die Freiheit, als Tourist mit dem Fahrrad unser Land und die Nachbarländer zu erleben, wird gern gewährt. Das Elsass ist ein markantes Beispiel für eine Region, die unter der Unfreiheit sehr gelitten hat. Deshalb ist die Möglichkeit, es ohne Grenzkontrollen besuchen zu können, doch ein schöner Beweis dafür, was Frieden und Freiheit bewirken (Radeln-Kultur-Natur, S. 17).
Ihr Burkhard Walger, Vorstand des ADFC Darmstadt-Dieburg e.V.


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